Ein neuer Radweg am Flutgraben?

 

Position des NABU Erfurt zum Vorhaben der Stadt (10.08.2017)

 

Braucht Erfurt einen neuen Radweg? Einen? Gleich mehrere Strecken stellen für RadfahrerInnen seit Jahren ein Problem dar, beispielsweise die Franckestraße und die Schlachthofstraße. Lösungen für diese und weitere Abschnitte legte die Stadt bereits 2015 in dem ► Radverkehrskonzept vor.

Während die Stadt mit der Umsetzung dieses Konzeptes auf sich warten lässt, verfolgt sie jetzt die Idee, entlang des Flutgrabens einen schnellen Radweg bauen zu lassen. Damit wird zwar keines der dringlichen Probleme des innerstädtischen Radverkehrs gelöst, aber die geordnete "Erschließung", "Zugänglichkeit" und "Erlebbarkeit" des Flutgrabens ist schon lange in der Diskussion und der aktuelle Hype um schnelle Radwege und Radautobahnen bietet einen willkommenen Anlass, dieses Thema wieder aufzugreifen. Und es ist eine bequeme Alternative zu den Vorschlägen des Radverkehrskonzeptes, umgeht man doch jegliche Konflikte mit dem Autoverkehr.

Flutgraben_2
Diese urige Idylle wäre mit dem Radweg passé. Überhängende Äste sind aus Gründen der Verkehrssicherheit untragbar.

Brauchen wir diesen Radweg? Wir meinen, nein! Er wird die Verkehrssituation für RadfahrerInnen kaum entspannen. Sein Streckenabschnitt ist zu kurz, um wirklich eine Nord-Süd-Verbindung zu schaffen. Die Zufahrten werden auf Grund der unvermeidlichen Steigungen am Anfang und Ende insbesondere für Räder mit Anhängern beschwerlich bleiben. Da er nicht beleuchtet wird, beschränkt sich seine Benutzbarkeit, bei vorhandenen oder drohenden Hochwasserlagen bleibt er gänzlich gesperrt.

Die Kosten dafür sind enorm: 2,2 Mio. € Baukosten, 22.000 € jährliche Unterhaltungskosten und ab einem Hochwasserereignis, das durchschnittlich alle zwei Jahre auftritt, 50.000 € Sanierungskosten. Zwar wird beteuert, dass der Bau nicht aus der Stadtkasse finanziert werden soll, sondern über Fördergelder, aber auch diese zahlen wir Steuerzahler. Die Instandhaltungskosten verbleiben bei der Stadt, die sich in der immer wiederkehrenden angespannten Haushaltslage entscheiden muss, ob es nicht vielleicht doch Wichtigeres zu bezahlen gibt.

Neben den monetären Kosten entstehen weitere Verluste: Schätzungsweise 30 % der Bäume müssen für den Bau gefällt werden, weitere Fällungen werden peu a peu aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht erfolgen. An vielen Stellen ist der bestehende Trampelpfad nicht einmal einen halben Meter breit. Die Mindestbreite für einen baulichen Radweg beträgt 1,50m. Da ein zweispuriger schneller Radweg entstehen soll, muss mit der doppelten Breite gerechnet werden. Man kann sich gut vorstellen, wie viele Bäume dafür weichen müssen.

Flutgraben_1
Für den Eisvogel, der überhängende Äste als Ansitz für den Fischfang braucht, wäre hier wegen der notwendigen Baumfällungen kein Platz mehr.

Die Auswirkungen betreffen nicht nur die dortige Vogelwelt, darunter den Eisvogel, sondern auch die AnwohnerInnen des Schmidtstedter Ufers und des Krämpferufers. Weniger Bäume bieten auch entsprechend weniger Lärmschutz gegenüber der Stauffenbergallee, einer der meist befahrenen Straßen Erfurts. Die Funktion des Flutgrabens im Biotopverbund als grüne Achse Erfurts wird in ganz beträchtlichem Maße geschmälert.

Nicht zuletzt verlieren wir eine weitere Möglichkeit naturgebundener Erholung. Wer mag schon entlang eines schnellen Radweges spazieren gehen oder Waldi Gassi führen wollen?

Um die "Zugänglichkeit" und "Erlebbarkeit" für die Bewohner des Umfeldes zu verbessern, könnten einige zusätzliche Auf- und Abgänge geschaffen werden. Anstelle mit Gewalt ein breites Asphaltband in den Flutgraben zu zwängen, plädieren wir dafür, mit der Umsetzung der dringlichsten Maßnahmen des Radverkehrskonzeptes zu beginnen. Dem Flutgraben aber sollte seine primäre Funktion als Hochwasserschutzanlage gelassen werden, die Nebennutzungen als Biotopverbund und naturgebundene Erholungsmöglichkeit ergeben sich dadurch fast von selbst.

Yvonne Schneemann

 

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Lebendige Bäche in Erfurt

 

Position des NABU Erfurt zu den Gewässerunterhaltungsmaßnahmen in Kerspleben (Dez. 2016)

 

Im „Masterplan Grün“ der Stadtverwaltung Erfurt (Teil des Landschaftsplans) heißt es unter Punkt 4.1.2 Gewässer:

"Die Gewässer 2. Ordnung zählen … zu den ökologisch wertvollsten Bereichen in Erfurt."

Als eines der Ziele wird genannt:

"Fließgewässer ökologisch aufwerten (Verbesserung der Gewässerstruktur) und als grüne Lebensadern entwickeln".

Und so wie auf den beiden nachfolgenden Fotos sieht das dann am Linderbach in Kerspleben in der Praxis aus.

Linderbach_1

 

Das Bachbett wurde vertieft und verbreitert.

Die Kleinlebewesen in dem Gewässer wurden dabei fast komplett ausgeräumt.

Die vorher noch zum Teil vorhandende natürliche Gewässerstruktur wurde beseitigt.

Bäume und Sträucher wurden rigoros abgeholzt.


Linderbach_2

 

Übrig geblieben ist ein ziemlich lebloser Kanal.

Kein Ansitz über dem Wasser für den Eisvogel ist mehr da.

Keine Ufersteine für die Gebirgsstelze und andere Vögel.

Inseln und Flachstellen fehlen.

Die Baumkronen wurden stark gelichtet oder sind ganz weg.

Die Vögel haben sich merklich zurückgezogen.


Eisvogel
  PIXELIO

 

Sollen so die "grünen Lebensadern" aussehen?

Wollen wir tote Kanäle statt lebendige Wasserläufe in unserem Wohnumfeld?

Der NABU Erfurt fordert, die Natur an unseren Flüssen und Bächen zu bewahren - im Sinne der Menschen und im Sinne der Tier- und Pflanzenwelt.

Am 11.01.2017 fand in Kerspleben vor Ort ein Treffen der Vorstandsmitglieder des NABU Erfurt Martin Schmidt und Bernd Krüger mit Frau Albrecht, Abt. Gewässerunterhaltung des Garten- und Friedhofsamtes, Herrn Dr. Bößneck, Abt. Naturschutz- und Landschaftspflege des Umwelt- und Naturschutzamtes sowie dem Ortsteilbürgermeister, Herrn Henkel statt.

Es wurden für das Frühjahr 2017 Nachpflanzungen von Bäumen und Sträuchern in den betreffenden Uferbereichen angekündigt. Auf Maßnahmen zur Verbesserung der Gewässerstruktur konnte sich nicht verständigt werden. Für die Feinplanung des Hochwasserschutzkonzeptes im Bereich Azmannsdorf/Kerspleben wurde die Beteiligung des NABU Erfurt in Aussicht gestellt.

Im Mai 2017 wurden 10 Apfelbäume nachgepflanzt, alte Sorten. Das ist zu begrüßen. Dennoch kann der langfristige Schaden an der Natur, der das Fließgewässer als Lebensraum betrifft, damit nicht ausgeglichen werden.

Bernd Krüger

 

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Verbot der Fassadenbegrünung in Erfurts Altstadt

 

Stellungnahme vom 27. Januar 2016 zu den Entwürfen der Gestaltungssatzungen für die südliche Altstadt und die Altstadt Mitte von Erfurt an das Amt für Stadtentwicklung und Stadtplanung

 

Sehr geehrter Herr Börsch,

ausgehend von unserem Gespräch am 08.01.2016 haben wir in unserem Vorstand das vorgesehene Verbot für die straßenseitige Fassadenbegrünung in den festgelegten Bereichen der Erfurter Altstadt erneut besprochen und sind zu den folgenden Ergebnissen gekommen:

Die Sichtbarkeit der historischen Kulturgüter unserer Altstadt ist als Anliegen der Stadt für uns nachvollziehbar und auch wir können uns an einigen Gebäuden keine Fassadenbegrünung vorstellen. In unserem Gespräch haben Sie uns auf die Schwierigkeit hingewiesen, eine juristisch unanfechtbare Ausnahmeregelung vom Verbot der Fassadenbegrünung festzulegen. Allerdings besteht gemäß § 13 (1) 1.b) des Thüringer Gesetzes zur Pflege und zum Schutz der Kulturdenkmale bereits eine Genehmigungspflicht für die Umgestaltung oder Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes von Kulturdenkmälern. Diese Erlaubnis kann versagt werden, wenn gewichtige Gründe des Denkmalschutzes dagegen sprechen. Damit ist bereits eine Möglichkeit gegeben, bestimmte Gebäude von der Fassadenbegrünung auszuschließen und ein weiterer Regulierungsbedarf unnötig.

Fassadenbegrünung

Damit erübrigt sich auch die Variante einer flächenmäßigen Limitierung des Bewuchses, die - wie Sie dargelegt hatten - mit einem erheblichen Aufwand bei der Vollzugskontrolle verbunden wäre.

Eine Beschränkung auf bestimmte Pflanzenarten, deren Wuchsform von Natur aus so geartet ist, dass es zu keiner vollständigen Verdeckung der Fassade kommt, ist aus unserer Sicht nicht tragbar, da sie mit einer eingeschränkten Wirksamkeit einhergeht.

An dieser Stelle möchten wir noch einmal die positiven Eigenschaften einer Fassadenbegrünung hervorheben. Die bauphysikalischen, lufthygienischen und stadtökologischen Wirkungen werden seit etwa dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich untersucht.
Danach ergeben sich positive Effekte für:

  • das Mikroklima (Beschattung, Wasserrückhalt, Verdunstung, Bindung und Filterung von Staub und Luftschadstoffen)
  • die Energieeinsparung (Wärmedämmung bei immergrünen Pflanzen und Hitzeschild)
  • die Gebäudeerhaltung (Schutz gegen UV-Strahlen, Hagel, starke Temperaturschwankungen, Schadstoffe und Schmutz)
  • den Lärmschutz (Minderung der Schallreflexion)
  • die Erhaltung der Artenvielfalt durch Schaffung zusätzlicher Grünflächen und die Erweiterung der Lebensräume für Pflanzen und Tiere.

Es ist einleuchtend, dass diese Wirkungen signifikant von der Blattmasse und der Dichte der Begrünung abhängen. Es ist eben gerade das dichte Fassadengrün, welches einheimischen Vogelarten wie Amsel, Rotkehlchen, Zaunkönig und vielen weiteren mehr adäquate Nistmöglichkeiten bietet, die sie in einer „luftigen“ Begrünung nicht finden können. Hinzu kommen unzählige Insekten- und Spinnenarten für die das dichte Grün einen Lebensraum darstellt. Auch sind gerade die Früchte von Efeu und Dreiblättrigem Wein eine besonders geeignete Nahrungsquelle für unsere Vogelarten, da sie aufgrund ihrer Farbe besonders gut wahrgenommen werden können. Unter Beachtung der Knappheit natürlicher Lebensbedingungen innerhalb des innerstädtischen Bereiches ist die Verfügbarkeit solcher Ressourcen als unschätzbarer Wert besonders zu gewichten.

Hinzu kommt, dass Fassadenbegrünungen von den Stadtbewohnern mittlerweile so hoch geschätzt werden, dass man allgemein von einer Imageförderung der Quartiere und deutlicher Wertsteigerung der Immobilien durch fachgerechte Fassadenbegrünungen ausgeht. Begrünte Fassaden helfen, das Arbeits- und Wohnumfeld naturfreundlicher und menschlicher zu gestalten. Sie bringen Naturerlebnisse und die Wahrnehmung unserer Jahreszeiten zurück. Dort, wo Pflanzen wachsen, Blumen blühen und Vögel leben, fühlt sich auch der Mensch wohl und dies gilt in gleicher Weise für die Bewohner wie für die Besucher unserer Stadt.

Aus diesen Gründen setzt sich der NABU Kreisverband Erfurt e. V. für eine ersatzlose Streichung des Verbotes einer Fassadenbegrünung ein.

 

Mit freundlichen Grüßen

Yvonne Schneemann
Vorsitzende

 

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